7. Januar 2016

Ein Lehrer, ein Zugbegleiter und der Zeitungs-Gate (#59)

Ein Lehrer, ein Zugbegleiter und der Zeitungs-Gate (#59)

Diebstahl schreit die eine Seite. Entgleisung die andere. Die Rede ist von einem Lehrer, der sich in der 1. Klasse am Zeitungsstand bedient hat und erwischt wurde. Erwischt? Wofür? Hat er jetzt gestohlen oder war das alles nur ein Versehen?

Ich spreche von Gus Weber. Der 62-Jährige Lehrer hatte sich am 27.12.2015 von Frankfurt Flughafen mit dem ICE 515 auf die Heimreise nach München gemacht. Über Weihnachten hatte Weber seine Mutter besucht und wollte selbstverständlich mit der Bahn reisen. Umweltfreundlich und so. Alles lief nach Plan. Der Zug verkehrte pünktlich. Auf Grund von einer defekten Toilette musste sich Herr Weber nun in die 1. Klasse begeben. Durfte er das? Aber natürlich! Laut Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn ist das erlaubt.

Der Gang zwischen den Ledersitzen

Auf dem Rückweg von seinem Toilettengang kam der Lehrer an einem Zeitungsstand vorbei. Nie zuvor war ihm dieser ins Auge gefallen. Komisch, vielleicht war er in der 1. Klasse?! Er nahm sich also eine Zeitung und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Sitzplatz in die 2. Klasse. „Nicht so schnell!“, erwiderte ein Zugbegleiter, der mit seiner Art, laut Bild, ganze drei Mal „entgleist” ist. Der Zugbegleiter hat den Lehrer darauf hingewiesen, dass das Diebstahl sei und er doch bitte am nächsten Bahnhof aussteigen sollte. Freiwillig soll Herr Weber seine Zeitung wieder zurück gebracht haben, er habe nichts davon gewusst, dass man diese nicht mit an seinen Platz nehmen darf.

Verlassen wollte Gus Weber den Zug jedoch nicht, denn er war ja gleich zu Hause in München. Der Zugbegleiter forderte die Polizei an, die den älteren Herren dann in Augsburg aus dem Zug begleitete. Den Rest der Strecke musste der Lehrer dann mit dem Regionalexpress zurücklegen.

ICE, Innenraum, Zeitungen, 2. Klasse, Deutsche Bahn, Reisen, 1. Klasse

Zu viele offene Fragen

Das erstmal zum Stand der Dinge. Ich kann es nur so wiedergeben, wie es in den unterschiedlichen Zeitungen gestanden hat. Es bleiben aus meiner Sicht mehr Fragen offen. Zum Beispiel:

  • Wär die Toilette heile gewesen, hätte Weber dann trotzdem eine Zeitung aus der 1. Klasse geholt?
  • Wie oft ist der Lehrer schon mit dem Zug gefahren?
  • Wieso muss hier die Polizei gerufen werden?
  • Wieso hat der Zugbegleiter den Herren nicht aufgefordert, den Aufpreis für den Übergang in die 1. Klasse zu zahlen?
  • War der Zugbegleiter überhaupt so unfreundlich, wie überall geschrieben wird?
  • Hat sich der Herr Weber nicht gefragt, warum in der 2. Klasse keine Zeitungsständer hängen?
  • Wieso wird jeder Artikel zu diesem Thema nur aus Sicht des Lehrers geschrieben?

Letzteres finde ich einfach schade, dass zu diesem Vorfall mal wieder nur einseitig berichtet wird. Man kann klar sagen, dass der Fahrgast keinen Diebstahl begangen hat. Das hätte der Zugbegleiter wissen müssen. Also ist das Anfordern der Polizei nicht rechtens. Der Zugbegleiter soll unfreundlich gewesen sein. Waren Zeugen vor Ort? War der Lehrer freundlicher? Hat er die Zeitung wirklich freiwillig zurückgelegt? Wieder weitere Fragen die offen im Raum stehen. Die Berichterstattung ist einfach zu einseitig, dass man wirklich alles glauben kann. Jeder sollte sich bei so etwas hinterfragen, egal um welches Thema es sich handelt.

Aus meiner Sicht haben mit dem aktuellem Stand der Dinge beide Seiten Fehler gemacht. Der Lehrer hätte sich nicht so einfach wieder auf den Weg in die 2. Klasse machen sollen und der Zugbegleiter hätte die Polizei nicht rufen dürfen. Diese Situation ist harmloser, als sie dargestellt und publiziert wird.

Lasst uns gerne sachlich in den Kommentaren darüber diskutieren!

#1. Klasse#2. Klasse#Lehrer#Zeitung#Zugbegleiter
Tim Grams
Der bloggende Bahner – Für mehr Verständnis im Bahn-Betrieb!
12 Kommentare
  • Weber sagt:

    Hier ist immer mal wieder von Anstand die Rede – leider reden die Ober-Anständigen nur vom – angeblich fehlenden – Anstand der Anderen. Wenn ich als Zugbegleiter sehe, dass ein Passagier unberechtigterweise eine Zeitung nimmt, dann weise ich ihn direkt und höflich darauf hin, dass dies ein Service der 1. Klasse ist. Ich warte keine fünf Minuten, um mich dann ihm gegenüber im Abteil vor den anderen Fahrgästen mit so anständigen Ausdrücken wie “unter aller Sau” aufzuspielen. So weit zum Kommentar des Herrn Minar über die Fähigkeit zu reden… Und dann gibt es neben den Ober-Anständigen noch die Ober-Gescheiten, die aber leider-leider nie davon gehört haben, dass sowohl an Flughäfen wie in Flugzeugen allerlei Tages- und Wochenzeitungen kostenlos angeboten werden – auch für die Passagiere der “2. Klasse”. Wenn selbige dann – aus Versehen – meinen, dass dies ja auch in Zügen der Fall sein könnte, sind sie weder Diebe noch Randalierer. Es ist schon interessant, wie schnell und kategorisch Menschen (meinen) eine Situation beurteilen (zu können), die sie überhaupt nicht kennen. Wie heißt es so schön: “Der Verlust der Scham ist das erste Anzeichen…” – den Rest findet man im Internet!

  • Thomas Minar sagt:

    Ich habe nichts zu nehmen, was mir nicht gehört. Punkt.
    Letztendlich habe ich einen Mund zum fragen.
    Andere Menschen habe ich auch schon mit Mund gesehen.

  • Nina sagt:

    Wenn ich diesen Bericht lese, stellt sich mir sofort eine Frage: Ist denn nicht direkt am Zeitungsständer ein deutlich sichtbarer (!) Hinweis angeschrieben? Das würde doch gleich im Vorfeld gar nicht erst zu solchen Situationen führen.
    Wenn nein, dann sollte die DBAG sich das überlegen, ob das nicht besser wäre:-)

  • Petra sagt:

    Ich habe neulich einen ähnlichen Fall selbst miterlebt. Auch hier hatte sich ein Fahrgast der 2.Klasse eine Zeitung genommen. Der Zugchef hat ihn höflich (!) darauf hingewiesen, dass dies nicht erlaubt ist und er die Zeitung bezahlen sollte. Der Fahrgast hat den Zugchef daraufhin aufs übelste beschimpft, er wär ja nicht ganz richtig im Kopf, wie er wegen einer Zeitung solch einen Aufriss machten könnte usw. Auch hat er sich daraufhin geweigert seine Fahrkarte vorzuzeigen, jemandem, der ihm Diebstahl vorwerfen würde, dem zeigt er nichts… Der Zugchef hatte ihn auch aufgefordert, den ICE zu verlassen, was er natürlich nicht getan hat. Ich und andere Fahrgäste hätten es begrüßt, wenn hier die Polizei gerufen worden wäre. Wer sich so benimmt, der gehört in meinen Augen von der Fahrt ausgeschlossen. Ich bewundere jedoch den Zugchef, der hier ruhig und sachlich geblieben ist, ich wäre ausgeflippt.

    • Tim sagt:

      Hallo Petra,

      vielen Dank für deinen Vorfall! Ich kann mir vorstellen, dass solche Geschehnisse fast zum Tagesgeschäft bei euch gehören.
      Leider habe ich ähnliches auch schon erlebt. Dieses Unverständnis der Reisenden, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, weil es ihnen nicht zu steht.

      Aber vielleicht lernt der ein oder andere ja noch dazu.

      Beste Grüße
      Tim

  • Zweifler sagt:

    In letzter Zeit gibt es ja leider ein Reihe zweifelhafter Medienberichte. Damit müssen wir wohl leben, und das Beschriebene dann jeweils selber ausfiltern. Über Sachen, die man nicht weiß, kann man nicht urteilen.
    Aus meiner Sicht sieht es etwa so aus:
    a) Als Fahrgast der sonst nur 2. Klasse reist, muss man nicht wissen, dass es in der 1. Klasse kostenlose Zeitungen gibt (selbst ich bin gerade unsicher, ob das nur im ICE der Fall ist, oder auch bei IC/EC).
    b) Es gibt aber in und außerhalb von Zügen schonmal Werbeaktionen, wo es irgendwas kostenlos gibt (Zeitungen eher nicht in Zügen, aber durchaus auf Bahnhöfen).
    c) Die Zeitungsauslagen der 1. Klasse befinden sich tlw. auch unmittelbar am Übergang zur 2. Klasse.

    Das alles spricht für eine gewisse Überreaktion des Zugbegleiters.
    Aber: Ob der Lehrer wirklich sofort bereit war, die Zeitung zurückzulegen, oder ob das nur seine eigene Schilderung gegenüber den Medien war, wissen wir nicht. Vielleicht gab es ein Wortgefecht, eine Eskalation – keine Ahnung.
    Wie auch immer: Auch das Erheben des Preisunterschieds fände ich übertrieben, wenn der Fahrgast die Zeitung freiwillig zurücklegt. Eine gute Maßnahme wäre eventuell eine deutlichere Kennzeichnung des Zwecks der Zeitungsauslagen.

    Etwas grundsätzlicher: Ich verstehe das Bedürfnis der 1.-Klasse-Reisenden, etwas von ihrem Aufpreis zu haben – uns sei es etwas mehr Ruhe. Ich bin aber nicht sicher, ob die DB die Abschottung zw. 1. und 2. Kl. so stark betonen sollte, wie es manchmal geschieht. Das erzeugt dann im ungünstigen Fall ein Konfliktpotenzial, das man vermeiden sollte.
    So fände ich es beispielsweise richtig, bei Ankunftsverspätungen in Kopfbahnhöfen die 1. Klasse auch zum Aussteigen mit 2.Kl.-Fahrschein zu öffnen (vorausgesetzt sie ist vorne), um möglichst vielen Reisenden das Erreichen von knapp gewordenen Anschlüssen zu Erleichtern.

    • Peter Reichler sagt:

      Ich bin Zugbegleiter und muß feststellen, das Fahrgäste der 2.Klasse gezielt sich die Zeitungen holen und mußte auch schon bitten, das der Verkaufspreis entrichtet wird, worauf viele dieser Fahrgäste sehr ungebührlich sich verhalten. Es ist Diebstahl! Es gibt Service für die 1.Klasse und da gehört die kostenlose Zeitung dazu. Dafür entrichten die Fahrgäste ja auch einen höheren Preis. Nichts entgegenzusetzen ist die Benutzung der Toilette in der 1.Klasse, wenn in der Reichweite der 2.klasse keine Funktionierende vorhanden ist. Das aber die Finger von den Zeitung wegbleiben, ist auch eine Frage des Anstandes, der bei manchen Fahrgast stark vermisst wird. Die Menschen reiten so gerne auf den “Service” herum, muß aber feststellen, das viele diesen Begriff gar nicht definieren können.

      • Zweifler sagt:

        Dem Satz mit dem “Anstand” stimme ich zu. Nur befürchte ich, dass man damit nicht das Problem löst. Muss man sich ja bloß anschauen, dass immer wieder Sitzplätze vermüllt und Toiletten in unbenutzbarem Zustand hinterlassen werden.

        Dazu kommt noch, auch wenn das den hier mitlesenden Bahnen vielleicht nicht gefällt, dass viele Fahrgäste sich oft von der DB oder anderen Bahnunternehmen nicht mit “Anstand” behandelt fühlen. Das senkt dann die Hemmschwelle des Benehmens gegenüber der DB (und es wird dann nichtrealisiert nicht oder es ist egal, dass man andere Fahrgäste schädigt).

        Mir ist klar, dass das nicht zusammengehört, dass man Gleiches nicht mit Gleichem vergilt, aber menschliches Verhalten ist eben oft irrational.

      • Tim sagt:

        Guten Tag Peter,

        vielen Dank für deine Sicht der Dinge.
        Vor allem im Bereich Service kann sowohl der Kunde als auch die Bahn selber einiges tun. Die Kunden sollten mehr Akzeptanz an den Tag legen und die Bahn sollte mehr bieten und einhalten.

        Beste Grüße
        Tim

    • Tim sagt:

      Guten Tag,

      vielen Dank für deine wirklich klasse, ausführliche Beschreibung.

      Es gibt auch aus meiner Sicht viele Dinge, die man verbessern könnte. Ich finde es ebenfalls übertrieben, dass der Unterschied zwischen 1. und 2. Klasse so betont wird. Dennoch kann ich voll und ganz verstehen, dass die Bahn-Kunden der 1. Klasse Vorteile für ihren Preis haben wollen.

      Ich bin gespannt, was sich in Zukunft noch tut im Bahn-Betrieb.

      Beste Grüße
      Tim

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