13. August 2015

Früchte pflücken an den Gleisen – BETRIEBSGEFAHR! (#45)

Früchte pflücken an den Gleisen – BETRIEBSGEFAHR! (#45)

Es ist Sommer. Die Bäume und Pflanzen blühen ohne Ende und die Früchte wachsen und wachsen. Keine Frage, die wollen natürlich auch gepflückt werden. Auch an den Bahn-Strecken tummeln sich so einige Brombeer’ und Himbeer’ Sträucher. Da kann man durchaus schonmal auf die Idee kommen, den Gleisbereich zu betreten und das Ernten zu starten. Wie gefährlich das sein kann, möchte ich euch an einem Vorfall erklären, der sich vor kurzen in meinem Bereich als Fahrdienstleiter abgespielt hat.

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Es war abends an einem sonnigen Wochenende. Die Sonne schien den ganzen Tag und lockte zahlreiche Menschen ins Freie. Gegen 18:30 Uhr erreichte mich ein Anruf eines S-Bahn Lokführers der auf dem Weg von Hameln nach Hannover war. „In Kilometer 23,9 kurz hinter dem Bahnübergang steht eine Frau in den Gleisen und pflückt Brombeeren.“ – Ich handelte schnell und verständigte die Notfallleitstelle. Alle Züge, die sich auf den Bahnübergang zu bewegen, bekommen ab jetzt einen Befehl auf Sicht zufahren. Die Polizei machte sich auf den Weg. Die nächste S-Bahn schickte ich mit Befehl auf die Reise. Was dann passierte war unfassbar:

„Ich habe gehupt und ein kopfschütteln bekommen!”

Ihr habt richtig gelesen. Genau diese Aussage bekam ich am Telefon von dem Triebfahrzeugführer, der auf Sicht an der Frau vorbeigefahren ist, gemeldet. Unglaublich dachte ich. Wie naiv muss man sein! Weiter sagte er: „Sie steht einen Meter neben dem Gleisbett und pflückt seelenruhig Brombeeren“.

Da ich und meine Kollegen in der 30 Kilometer entfernten Betriebszentrale sitzen, können wir persönlich nichts unternehmen, außer eben die Züge mit Befehlen zum Fahren auf Sicht auszustatten und die Notfallleitstelle verständigen. Wenig später meldete diese sich auch schon zurück.

Hameln Bahnhof, Hameln , Deutschland, Deutsche Bahn, Der bloggende Bahner

„Die Maßnahmen können aufgehoben werden!”

Die Polizei hatte die Dame aufgegriffen. Sie konnte nicht verstehen, warum sie dort keine Früchte ernten durfte. Sie behindert doch niemanden, war ihre Aussage. Ich konnte wirklich nicht nachvollziehen, was im Kopf dieser Frau vorgeht. Das ist ein schwerer Eingriff in den Bahn-Betrieb. Dadurch entstehen Verspätungen.

Verspätungen über die sich diese Person wahrscheinlich immer beschwert, wenn sie mit der Bahn fährt und sich auch zahlreiche andere Bahn-Kunden jeden Tag auf’s neue beschweren. “Personen im Gleis“ ist ein häufiger Verspätungsgrund, weil es leider auch sehr oft vorkommt, dass sich Menschen auf Gleise begeben, wo sie nichts zu suchen haben.

120 km/h sind nicht zu unterschätzen

Gehen wir mal davon aus, das der erstmeldende Lokführer die Frau nicht rechtzeitig gesehen hätte und mit seinen vollen 120 Stundenkilometern an der Frau vorbeigefahren wäre. Durch den Sog wäre sie nicht nur an die S-Bahn heran gedrückt worden, sondern auch lebensgefährlich bis tödlich verletzt worden. Ich frage mich: Wie unvorsichtig und naiv muss man sein, damit man dieses Risiko eingeht?

Zum Glück ist alles nochmal gut gegangen, so wie oft bei den Personen im Gleis, weil Lokführer und Fahrdienstleiter mit der Notfallleitstelle sehr gut zusammenarbeiten, um die Gefahr abzuwenden.

Habt ihr schon Erfahrungen mit Personen im Gleis gesammelt und was haltet ihr von meinem Fall?

#Betriebsgefahr#Brombeeren#Fahrdienstleiter#Früchte#Lokführer#Notfallleitstelle
Tim Grams
Der bloggende Bahner – Für mehr Verständnis im Bahn-Betrieb!
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