7. Oktober 2017

Mein stürmisches Date mit Xavier

Mein stürmisches Date mit Xavier

Ich war am Donnerstag in Berlin und möchte euch aufzeigen, wie der Orkan Xavier fast den gesamten Zugverkehr in Ost- und Norddeutschland lahmgelegt hat und warum ich trotzdem an mein Ziel gekommen bin. Was lief gut am Bahnhof, beim Schienenersatzverkehr, bei der Kommunikaton und was ist noch verbesserungswürdig?

Ich fange ganz vorne an. Ich war am besagten Donnerstag beruflich auf einem Bahn-Event „Mobilität erleben“ in Berlin (ein Video dazu kommt innerhalb der nächsten Wochen). Dort hat die Bahn viele Zukunftsthemen vorgestellt. Unteranderem auch ein Prognose-Programm mit dem Namen „Betrieb Live“.

Dieses Programm ist im Hintergrund aktiv und vernetzt verschiedene Anwender digital miteinander. Durch diese digitale Vernetzung wird der Informationsfluss untereinander für alle transparent und beschleunigt. In Konsequenz bekommt auch der Endkunde Informationen zu seiner Fahrt schneller. Definitiv wichtig für die Zukunft. Bleiben wir beim Unwetter und dem dazugehörigen Orkan Xavier.

Mobilität erleben Berlin 2017

Dieser hatte bereits gegen 14 Uhr erste Schäden hinterlassen und zu einigen Streckensperrungen geführt. Gegen Ende der Veranstaltung sah es noch etwas schlimmer aus und viele Teilnehmer des Events waren beunruhigt, wie sie denn nach Hause kommen. Bahn-Mitarbeiter halfen bei den Fragen und kümmerten sich um alles weitere.

Es ging nichts mehr

Auch ich wollte am Donnerstag nach Hause fahren. Von Berlin nach Hannover. Im Vergleich zu Berlin – Frankfurt ein Katzensprung. Somit entschied ich mich erstmal gegen eine verlängerte Nacht im Hotel. Als ich dann aber aus dem Fenster schaute und erste Äste herabfallen und einen Baum umfallen sah, war mir schon bewusst, dass das eine ganz schwierige Angelegenheit werden würde.

Schließlich wurden weitere Streckensperrungen, aufgrund von umgekippten Bäumen und umgestürzten Signalmasten, ausgesprochen. Eine Heimfahrt nach Hannover war somit nicht möglich. Durch den Sturm waren auch viele Hotels bereits ausgebucht, auch meins, wo ich die Nacht zuvor geschlafen habe.

Somit suchte ich mir zusammen mit einer Kollegin, die ebenfalls nicht mehr nach Frankfurt kam, ein neues Hotel. Dieses war ungefähr zwei Kilometer vom Ostbahnhof entfernt. Durch den Regen und Sturm ging es mit Koffern bepackt dort hin.

Darum gab es zuerst keine genauen Infos

Dann habe ich mir erstmal einen Überblick über die Schäden, die bereits bekannt waren, gemacht. Das schwierige an der exakten Kommunikation, wann es weiter geht, war nicht, dass die Bahn es nicht machen konnte, sondern, dass man aufgrund der Dunkelheit und der nicht mehr fahrenden Züge nicht genau wusste, wo welche Schäden aufgetreten sind.

Der Sturm lies es auch nicht zu, dass man Hubschrauber zur Erkundung los schickt. So musste man bis zum nächsten Morgen warten. Währenddessen hatte die Deutsche Bahn am Haupt- und am Ostbahnhof in Berlin das Personal spürbar aufgestockt. Es wurden Hotel- und Taxigutscheine verteilt. Am nächsten Morgen starteten dann die Hubschrauber. Auf meiner Verbindung nach Hannover fiel erstmal jeder Zug bis Mittags aus.

Man kannte das Ausmaß der Schäden noch nicht und kommunizierte das sowohl über die Reiseauskunft auf Bahn.de, die Presseseite deutschebahn.com und die Social Media-Kanäle der Deutschen Bahn. Auch die Mitarbeiter an den Bahnhöfen gaben das weiter. Ich peilte eine Heimfahrt gegen Nachmittag optimistisch an und arbeitete noch ein paar Stunden im Hotel.

Als gegen 09:30 Uhr das Ausmaß bekannt wurde, war auch ich etwas unruhig, blieb aber weiterhin optimistisch. Gegen Mittag wurden alle weiteren Züge auf meiner Verbindung gestrichen und ich beschloss mich gegen 15 Uhr auf den Weg zum Berliner Hauptbahnhof zu machen.

Mit viel Anlauf nach Hannover

Am Ostbahnhof war bereits einiges los. Sowohl das Bahn-Personal war mit zahlreichen Service-Mitarbeitern vertreten als auch die Kunden, die dort immernoch verweilten. Ich nahm die nächste S-Bahn zum Hauptbahnhof. Dort erwartete mich ein ähnliches Bild, nur größer. Mehr Bahn-Mitarbeiter und mehr Kunden. Es war insgesamt aber deutlich weniger los, als ich es zuvor auf den Bildern im Netz gesehen hatte. Ich sprach mit einigen Kunden, die sehr zufrieden waren, wie ihnen geholfen wurde.

Auch ich machte mich mal auf zu einem Service-Mitarbeiter und fragte nach, ob und wie ich denn nach Hannover komme. Der sagte, dass man mit höchster Priorität an der Strecke Berlin – Hannover arbeitet, ob das aber am Freitag noch etwas wird, kann er nicht sagen. Die Schäden seien größer als erwartet. Es wird aktuell ein Busverkehr eingerichtet, wann und wo dieser fährt wusste er allerdings noch nicht. Ich führte ein paar Telefonate und beobachte das Geschehen.

Nach und nach wurden die Kunden an der DB Information im Berliner Hauptbahnhof mit Informationen versorgt. Zudem kamen noch zwei weitere Service-Mitarbeiter hinzu. Um 15:45 Uhr sprach ich erneut mit einem dieser Mitarbeiter, der mir dann versicherte, dass am Europaplatz am Berliner Hauptbahnhof gleich ein Busverkehr nach Hannover eingerichtet wird. Ich machte mich auf den Weg und traf eine eine überschaubare Menge Menschen.

Ich fragte: „Fährt hier der Bus nach Hannover?“. Alle nickten freundlich und auch die ersten Bahn-Mitarbeiter trafen zur Organisation ein. Die Menschentraube wurde von Minute zu Minute größer. Der Bus kam. Allerdings hatte dieser Bus nur eine geringe Anzahl an Plätzen. Die Mitarbeiter halfen bei einsteigen und Gepäck verstauen und gaben bekannt, dass noch weitere Busse kommen werden.

Leider war die Deutsche Bahn in diesem Fall auf Busse, die von außerhalb kommen, angewiesen. Alle Busse innerhalb Berlins waren bereits im Einsatz. Der erste Bus machte sich auf den Weg. Es fing an zu regnen und die Meldung, dass am Freitag definitiv kein Zug mehr auf der Strecke von Berlin nach Hannover fahren wird, kam auf meinem iPhone an.

Die Schäden waren, wie bereits der Service-Mitarbeiter gesagt hat, größer als gedacht. Mehr als hundert umgestürzte Bäume, Signal- und Oberleitungsmasten auf dieser Strecke machten es den Einsatzkräften nicht leicht. Das gab ich direkt an die Gruppe Menschen weiter, die vollsten Verständnis dafür aufbrachten. Beim zweiten Bus waren auch Bahn-Mitarbeiter von DB Sicherheit vor Ort, die sich um den Fahrgastwechsel kümmerten.

Der Bus kam nämlich aus Hannover mit Fahrgästen, die nach Berlin wollten. Leider war auch der zweite und dritte Bus schnell mit Menschen gefüllt, sodass ich auf den vierten warten musste. Es war mittlerweile 17:45 Uhr. Leider gab es keine Information wann die Busse ankommen und wie viele am Freitag überhaupt noch fahren werden. Die Reisenden waren geduldig und man kam, wie immer wenn es um die Bahn geht, ins Gespräch.

Einige Nörgler machten sich breit, die die Bahn-Mitarbeiter hart und beleidigend angingen und das Ausmaß dieses Sturms nicht wirklich einordnen konnten. Auf Twitter las ich einen Tweet, der diese Situation mit dem zweiten Weltkrieg verglich, was ich schon sehr makaber fand.

Sturmschäden nach Xavier im Bahnverkehr

Das kann man nicht planen

Ich möchte an dieser Stelle nochmal etwas sensibilisieren. Natürlich war der Orkan „Xavier“ bekannt, dennoch ist es nicht möglich für die Deutsche Bahn in die Zukunft zu schauen und zu wissen, was für einen Schaden dieser Sturm hinterlässt. Somit kann man nicht agieren sondern nur reagieren.

Je größer die Schäden sind, desto mehr muss man reagieren und einen Überblick über das Ausmaß behalten. In dieser Größe war niemals mit diesem Schaden zu rechnen, sodass man alles mobilisieren musste, was verfügbar war. Die bereits angesprochene Schwierigkeit war das Zusammentreffen von Streckensperrungen und Dunkelheit, sowie anhaltendem Wind. Ein klares Ausmaß war somit erst ca. zehn Stunden später zu erkennen.

Bus Nr. 4 – Hannover im Visier

Um 18 Uhr kam dann der vierte Bus, indem ich auch einen Platz fand. Nach einer kleinen Pause für den Busfahrer ging die Fahrt los. Der Verkehr auf den Straßen in Berlin, aber natürlich auch auf den Autobahnen, war gemäß des eingestellten Bahnbetriebs dicht.

Man kam mit einigen anderen Reisenden während der Fahrt ins Gespräch und unterhielt sich über die Situation, genauso auch über andere Bahnfahrten, die man erlebt hatte. Nach einer kleinen Pause in Madgeburg hieß der nächste Halt dann gegen 22 Uhr Braunschweig Hauptbahnhof. Um 22:22 Uhr sollte eine WestfalenBahn von Braunschweig über Hannover weiter bis nach Osnabrück fahren. Drei Reisende, die ich beim Warten auf den Bus in Berlin kennengelernt habe, mussten noch über Hannover hinaus.

Schienenersatzverkehr nach Organ Xavier

Der Anschluss von Bus auf Bahn in Hannover war aber aufgrund des Haltes in Braunschweig gefährdet. Somit entschieden sich die drei auszusteigen. Auch ich schloss mich an und nutzte mal die Gelegenheit mit der WestfalenBahn zu fahren. Am Hauptbahnhof Braunschweig habe ich dann noch einen Bahn-Mitarbeiter getroffen, der für die Betreuung eines Hotelzuges in Braunschweig zuständig war.

Er hatte nun Feierabend und setzte sich ebenfalls in den Zug nach Hannover. Auf Grund einer Streckensperrung mussten wir über Hildesheim nach Hannover fahren (normal über Peine und Lehrte). Mit fünf Minuten Verspätung kamen wir dann in Hannover an. Ich stieg aus und die anderen drei Reisenden konnten mit dem Zug weiter bis an ihre Zielbahnhöfe fahren. Gegen 23:30 Uhr war ich dann zu Hause.

Das war gut und das muss besser werden

Nach diesen zwei Tagen voller neuer Erfahrungen und Erlebnisse möchte ich zum Abschluss nochmal zusammenfassen, was gut gelaufen ist und was verbessert werden sollte. Grundsätzlich war die Kommunikation über das Internet, aber auch am Bahnhof gut und elementar wichtig für alle betroffenen Kunden.

Das hat meines Erachtens gut funktioniert, wenn man bedenkt, was für ein Ausmaß an Zerstörung dieser Orkan hinterlassen hat. Die Kommunikation zum Schienenersatzverkehr, mit dem ich dann letztendlich an mein Ziel gekommen bin, war dagegen eher mäßig. Nur durch das Nachfragen bei einem Service-Mitarbeiter habe ich davon erfahren.

In der App DB Navigator war dazu nichts zu finden, genauso wenig war ausgeschildert, wie und wo dieser Schienenersatzverkehr hält. Die Koordination des Schienenersatzverkehr war ebenfalls verbesserungswürdig. Keiner wusste wann ein Bus kommt und wie viele Busse kommen. Im DB Navigator waren zudem einzelne Züge als pünktlich und „nicht Ausfall“ gekennzeichnet. Das hat nicht nur bei mir, sondern auch bei zahlreichen Betroffenen für Verwirrung gesorgt. Es muss dafür eine Lösung und somit eine Verbesserung geben.

Danke

Ich ziehe meinen Hut vor allen Mitarbeitern, Polizisten und Einsatzkräften, die Tag und Nacht mehr getan haben als man von ihnen erwarten kann. Die steht’s die Ruhe bewahrt haben und mit der vorhandenen Geduld die Fragen der Kunden und auch meine Beantwortet haben.

Am Ende bleibt für mich ein unvergessliches Ereignis und Erlebnis, was sich nicht so schnell wiederholen soll. Als Bahn hat man vieles richtig gemacht. Man kann so etwas nicht planen und muss reagieren. Bei diesem überdimensionalen Ausmaß ist schon vieles richtig gelaufen, es gilt aber weiter daraus zu lernen und das nächste Mal zu zeigen, dass es noch besser geht. Allen betroffenen Kunden wünsche ich eine gute und sichere Heimreise, wenn sie nicht schon am Ziel angekommen sind.

#Bahn#Orkan#Schienenersatzverkehr#Xavier
Tim Grams
Der bloggende Bahner – Für mehr Verständnis im Bahn-Betrieb!
8 Kommentare
  • Dennis sagt:

    Hallo Tim,

    danke für deine Eindrücke. Ich bin gespannt auf den Video zum Event. Betrieb Live gibt es z.B. im RB West schon seit einiger Zeit. Das ist aber was völlig anderes als das was du beschreibst. Bin gespannt ob was neues kommt oder die Funktionen erweitert werden.

  • Hallo Tim,

    danke für die Eindrücke; dieses Ereignis werden wohl alle betroffenen Bahnreisenden nicht so schnell vergessen. Allen beteiligten Stellen bei der Bahn war sicher sehr schnell klar, dass eine außergewöhnliche Lage eingetreten ist, die sich nicht innerhalb weniger Stunden bewältigen lässt. Eben wegen dieser zeitlichen Herausforderung ist Kommunikation das A und O. Jeder Fahrgast sollte jederzeit über den Status seines „Schicksals“ informiert sein – einfach um sich damit abfinden zu können und einzusehen, dass für den Moment „mehr“ nicht möglich ist. Dazu gehören auch Informationen, welche nächsten Schritte schon geplant und ggf. in Vorbereitung sind – und auch Informationen darüber, was z.B. noch _nicht_ erreicht werden konnte. Also „nichts Neues“, aber Fahrgäste haben das gute Gefühl, dass sich jemand zumindest engagiert. Beispiel für einen liegengebliebenen Zug auf freier Strecke: „Feuerwehr kommt noch nicht an den Zug heran (z.B: wg. beschädigter Oberleitung)“, „Busunternehmen für Ersatzverkehr noch nicht erreicht“, „Abschlepplok ebenfalls liegengeblieben“ und was es sonst noch so für Hinderungsgründe gibt – Du kennst sie sicher alle.

    In Deinem Artikel erwähnst Du oben Online-Kommunikationswege. Smartphones sind allgegenwärtig, aber nicht jede Generation kommt damit zurecht und findet sich daher ggf. in einer gigantischen Warteschlange vor der DB Info wieder (Bsp Hamburg vorgestern). Auch hier vielleicht künftig prüfen, ob nicht noch mehr Mitarbeiter (auch aus betriebsdienstfernen Bereichen) kurzfristig aktiviert werden können. Diese innerhalb von Minuten intern mit dem Sachstand briefen und dann raus in die Warteschlange – einfach mit den Leuten reden, auch wenn sie in dem Moment noch keine Lösung anbieten können.

    Beste Grüße
    Marcus

    • Tim Grams sagt:

      Hey Marcus, gerne und danke für dein Feedback. Da stimme ich dir zu. Es sind die kleinen Dinge, die am Ende den Unterschied machen können und vor allem aus solchen extremen Situationen kann man lernen.

      Das kannst du laut sagen. War ein echt unvergessliches Ereignis.

      Beste Grüße
      Tim

  • Jörg Rothe sagt:

    Gut und realistisch geschrieben.
    Ich bin auch am Donnerstag in Bln. gestrandet, konnte aber am Fr. schon wieder mit planmäßigem 1536 nach Halle fahren.
    Dafür DANK und RESPEKT den Bahnern!

    • Tim Grams sagt:

      Vielen Dank Jörg für dein Feedback zum meinem Beitrag und zu den Erlebnissen deinerseits. Freut mich, dass bei dir alles gut geklappt hat.

      Beste Grüße
      Tim

  • Gouv sagt:

    Ich plädiere dafür, dringendst das Thema Grünschnitt anzugehen. Nicht, dass es diese Anregung nicht bereits nach Niklas (2015) gegeben hätte. Aber vielleicht reicht ja Xavier endlich.
    Bilanz: zwei berufliche Termine, die nicht wahrgenommen werden konnten (Freitag: Aachen von Bremen aus, Samstag Berlin von Bremen aus).

    • Tim Grams sagt:

      Vielen Dank Gouv für dein Feedback. Nach dem Sturm Niklas hat man bereits das Lichtraumprofil für den Grünschnitt umgestellt und ausgeweitet. Ich stimme dir aber zu, dass es nochmal angepasst werden sollte.

      Tut mir leid, dass du deine Termine nicht wahrnehmen konntest.

      Beste Grüße
      Tim

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