4. Januar 2016

„Man hat uns einfach vergessen!“

„Man hat uns einfach vergessen!“

Es war der 31.12.2015. Silvester. Ein Boardgastro-Mitarbeiter macht sich auf den Weg zur Arbeit. Start: Hannover Hauptbahnhof. Das Ziel seiner Fahrt, in dieser Silvester-Nacht, war München Hauptbahnhof. Doch dann kam alles ganz anders.

Der Zug in Richtung München war kaum mit Bahn-Kunden besetzt. Die anwesenden Fahrgäste waren entspannt, zuvorkommend und genossen die Heimreise zu ihren Familien. Das Zugpersonal freute sich das neue Jahr in der bayrischen Hauptstadt zu beginnen. Die Fahrzeit ging kaum vorüber und alle sehnten sich nach dem Ziel: München Hauptbahnhof.

Einfahrt Bahnhof Augsburg

Am letzten Halt vor München sollte die Fahrt aber eine unvergessliche, beängstigende Wendung nehmen. Der Boardgastro-Mitarbeiter stieg ein letztes Mal aus und blickte zum Himmel, wo die ersten Raketen gezündet wurden. Der Jahreswechsel schien zum Greifen nah. Dann kam diese eine Ansage, die den Mitarbeiter aus seinen Gedanken riss: „Meine Damen und Herren, bitte beachten sie folgende Durchsage: Auf Grund von Polizeieinsätzen im Bereich München-Pasing, sowie München Hauptbahnhof, ist der Zugverkehr bis auf unbestimmte Zeit eingestellt“. Aufgeregt ging der Gastro-Mitarbeiter zu seinem Zugchef und fragte was los ist. Dieser entgegnete ihm: „Ich habe gerade eine Meldung bekommen, dass in München eine Terrorwarnung ausgesprochen wurde“. Im ersten Moment war man geschockt.

Der Gast im Board-Restaurant fragte ebenfalls, was los sei. Er wollte unbedingt an jenem Abend seine Frau in die Arme schließen. Der Gastro-Mitarbeiter musste ihm hart aber ehrlich mitteilen, dass das heute wahrscheinlich nichts mehr wird. Enttäuscht drehte er sich weg und trank sein Bier weiter. Dann folgte die nächste Ansage vom Zugchef: „Meine Damen und Herren, auf Grund der aktuellen Lage und den Polizeieinsätzen in München endet dieser Zug heute in Augsburg…Fahrgäste mit dem Ziel München, bitte beachten Sie, dass ich hierzu leider noch keine Aussage treffen kann“. Gegenüber fuhr der nächste ICE ein, der außerplanmäßig in Augsburg enden sollte.

Fehlende Kommunikation

Der Boardgastro-Mitarbeiter nahm Kontakt mit seiner Dienststelle auf, schilderte die aktuelle Lage und bat um ein Hotel in Augsburg. Das wurde bestätigt und man bat ihn kurz zu warten. Nach 10 Minuten hatte er allerdings immer noch keine Rückmeldung. Der Zugchef teilte mit: „Wir fahren nun leer in Richtung München“. Auf die Aussage, dass man vielleicht ein Hotel in Augsburg bekommen könnte, wurde nicht eingegangen. Der Lokführer schloss die Türen und rief die Verkehrsleitung an. Diese sagte, dass man sich irgendwie nach München „durchboxen“ sollte. Der Gastro-Mitarbeiter fragte sich: „Wie soll das gehen bei einer Terrorwarnung?“. Wo blieb eigentlich der Rückruf aus der Dienststelle? Wo war die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers? Geschockt setzte er sich hin! Der Zug fuhr ins ungewisse.

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Mittlerweile war es 23:20 Uhr. Niemand wusste, was mit dem Zugbegleitpersonal passiert. Alle Mitarbeiter waren entsetzt von der schlechten Kommunikation in diesem Ernstfall. Keiner hatte richtige Infos, was aktuell in München los ist und was passieren könnte. 00:00 Uhr. Happy New Year. Das Team umarmte sich und wünschte sich gegenseitig das Beste für das kommende Jahr. Die Innenbeleuchtung wurde ausgeschaltet und das Feuerwerk beobachtet. Niemand wusste was passieren wird. Keinen Kontakt zum Arbeitgeber. Irgendwo im nirgendwo klingelten nach und nach die Handys der Mitarbeiter. Die Familien und Freunde wünschten das Beste für 2016 und erkundigten sich nach dem Wohlbefinden. Vom Arbeitgeber weiterhin keine Spur der Fürsorge oder Nachfrage, wo man sich gerade befindet.

Der Zugchef erkundigte sich beim Lokführer. Dieser sagte, dass er gleich anhalten wird. 10 km vor München-Pasing. Dann würde die Nachtwache kommen. Die Müdigkeit stieg. Die Nachtwache kam gemeinsam mit dem Reinigungspersonal, die das Zugpersonal-Team fragend anschaute. Der Boardgastro-Mitarbeiter sagte ironisch: „Tja Kollegen, dass ist kein Job, wie jeder andere!“. Die Nachtwache nahm erschrocken das Handy in die Hand und rief in München jemanden an und sagte: „Wir haben ein Problem. In meinem Zug ist noch das komplette Personal“. Schnell wurde bekannt, dass man sich nun in Richtung München weiterbewegen durfte mit dem Ziel Waschstraße. Der Zugchef bekam vom Lokführer die Info, dass man in München Laim, den Zug verlassen solle und mit der S-Bahn, die eingeschränkt wieder verkehren sollte, zum Hauptbahnhof fahren soll.

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Die Wege des Personal trennten sich. Alle umarmten sich und bedankten sich für die gegenseitige Unterstützung in dieser Nacht. Eine Zugbegleiterin begleitete den Gastro-Mitarbeiter zum nächsten Zug. Es war mittlerweile kurz nach 5:00 Uhr und der nächste Zug Richtung Heimat fuhr gleich. Ohne Dienst ging es also wieder zurück aus München mit einer unvergesslichen und durch aus Fragezeichen aufwerfenden Nacht im Gepäck.


Auch ich habe an diesem Abend in den Nachrichten und sozialen Netzwerken das Geschehen in München verfolgt. Ich habe mir auch sehr viele Gedanken gemacht, was die Deutsche Bahn in diesem Ernstfall alles auf die Beine stellen musste. Ich habe an die Mitarbeiter in den Zentralen und Zügen gedacht, die zu später Stunde hochkonzentriert arbeiten mussten, während Helene Fischer am Brandenburger Tor „Atemlos durch die Nacht“ singt. Atemlos machte mich nur eins. Diese Geschichte aus der Nacht ins neue Jahr.

Ich kann verstehen, wenn man viel zu tun hat bei einer Terrorwarnung. Doch gar nicht verstehen kann ich die fehlende Kommunikation mit den betroffenen Mitarbeitern. Wieso setzt man diese solch einer Situation aus? Wäre es nicht sinnvoller gewesen, das Personal in ein Hotel in Augsburg unterzubringen? Wäre eine Auskunft oder ein kleines Telefonat nicht die richtige Entscheidung gewesen? Ich hoffe, dass man aus diesem Fehlverhalten lernt und in Zukunft so etwas nicht mehr vorkommt.

Dieses Erlebnis und die Erfahrungen von diesem Abend habe ich vom besagten Boardgastro-Mitarbeiter erhalten. Ich finde es wichtig, dass man über solch’ eine Vorfall spricht und bin auf eure Meinungen gespannt.

#Deutsche Bahn#Kommunikation#München#Silvester#Terrorverdacht
Tim
Der bloggende Bahner – Für mehr Verständnis im Bahn-Betrieb!
19 Kommentare
  • ancx sagt:

    Lieber Kollege,vielen Dank für diesen Artikel,leider entspricht das Gesamtbild dem,was man in ähnlichen Situationen (meist weniger dramatisch) erlebt.Das Wichtigste in Ausnahmesituation die Kommunikation mit VL oder Dienststelle ist oft (VL)nicht möglich oder unzuverlässig.

    • Tim sagt:

      Lieber Kollege,

      vielen Dank für deinen Kommentar zu diesem Vorfall!
      Ich denke, dass es für viele Mitarbeiter das erste Mal war. Ein Terrorverdacht kam in den letzten Jahren nicht so häufig vor, sodass die Kollegen mit großer Sicherheit daraus lernen werden.
      Ich hoffe es zumindest!

      Beste Grüße
      Tim

  • Lokführer sagt:

    Ähnliche Zustände bei den Blitzeis in Ostfriesland. Ich finde die VL ist in diesen Situationen total Überfordert. Warum? Weil man Sonntags im „Geiz ist Geil“ Modus fährt. Mit einen Disponenten im 12 Std-Dienst!

    • Tim sagt:

      Guten Tag,

      ich stimme dir zu, dass solche Situationen die Mitarbeiter oft überfordert, weil es einfach zu wenige an den jeweiligen Stellen gibt. Die Einteilung der Arbeitskräfte und die damit verbundene Einsparung schadet leider oft dem Kunden.
      Dennoch sollten wir hoffen, dass sich für diese Vorfälle in Zukunft einiges tun wird, denn es wird bestimmt nicht der letzte Terrorverdacht sein.

      Beste Grüße
      Tim

  • Erik sagt:

    Eine Umleitung via Olching – München-Nord – Moosach – Laim – Süd nach München-Ost wäre möglich gewesen. Da hat die VL und das Netz nicht weiter gedacht. Schade, aber solche Unflexibiltät (z.T. mit Unkenntnis) kommt immer häufiger vor.

    • Tim sagt:

      Guten Tag Erik,

      inwieweit eine Umleitung möglich gewesen wäre, möchte ich hier nicht bestätigen, da ich nicht vor Ort war. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Mitarbeiter ihr bestes gegeben haben. Das Problem ist die gerine Anzahl der Mitarbeiter, die zu der Zeit für diesen Vorfall zuständig war.

      Beste Grüße
      Tim

  • Zweifler sagt:

    Ich bin kein Bahner, sondern nur Bahnkunde. Ich musste Silvester und Neujahr jeweils kurz vor und nach den Sperrungen mit der Bahn und Umsteigen durch München. Mir ist aufgefallen, dass es jede Menge Infos von der Polizei gab. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) meldete die Sperrungen der Bahnhofsvorplätze und dass die U-Bahnen ohne Halt am Hbf durchfuhren. Von der DB kam sehr wenig – eigentlich nur die RIS-Abfahrtstafeln. Denen kann man aber Umleitungsinfos oder wie welche S-Bahn-Linie nun betroffen ist, kaum entnehmen. Ich verstehen ja irgendwie, dass die Leute, die für die Streckenagenten-E-Mails und den @DB_Bahn Twitter-Account zuständig sind, irgendwann Dienstschluss machen möchten – gerade Silvester. Wenn es aber die MVG schafft, nachts zumindest einen Notdienst für Störungsinfos zu betreiben, dann sollte das der DB auch möglich sein. Ich denke bessere Infos helfen sowohl den Kunden als auch intern.

    • Tim sagt:

      Guten Tag,

      inwieweit der Informationsfluss stattgefunden hat kann ich nicht beurteilen. Das die Situation eine unvorhersehbare war ist auch klar. Daher nehme ich in diesem Fall das Social-Media-Team in Schutz. Aber man könnte in Zukunft über deinen Vorschlag nachdenken.
      Die Informationen vor Ort sind dagegen aber ein Muss.

      Beste Grüße
      Tim

      • Zweifler sagt:

        Vor Ort war es halt schwierig, weil man nicht den Bahnhof rein kam, und die Polizisten, die die Absperrbänder bewachten, halt auch nur wenig wussten. Es lag ja aus Sicht der Beteiligten eine unmittelbare Gefahrenlage vor – da sind die Prioritäten anders, als bei dem, der aus der Ferne mittels Smartphone herausfinden will, wie er denn nun nach Hause kommt.

  • Quork Q'Tar sagt:

    Ich beneide Dich um Deinen Optimismus im Fazit – ich habe die Hoffnung auf die Lernfähigkeit unseres Konzerns nur noch sporadisch, vor allem in Sachen Umgang mit dem Mitarbeiter.

    • Tim sagt:

      Guten Tag,

      Ich bin davon überzeugt, dass man aus solchen Situationen lernen wird. Auch wenn es hoffentlich nicht schnell wieder zu einem Terrorverdacht kommen wird.

      Beste Grüße
      Tim

  • Birgit trübe sagt:

    Ich kenne das !Man vergisst das wir auch Menschen sind .Ich hab das Gefühl sehr oft das wir nur nummern sind .Tag täglich sind tfz kundenbetreuer und bordgastronomen für die fahrgäste da .Aber wer bitteschön ist für uns da ?

    • Tim sagt:

      Hallo Birgit,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kann das bestätigen. Manchmal hat man wirklich das Gefühl nur eine Zahl zu seien, die von A nach B geschoben wird. Das muss aufhören. Wie du schon sagst, wir sind auch Menschen und die verdienen Respekt und Anerkennung.

      Ich glaube fest daran, dass man aus dieser Situation lernen wird und das soetwas in dieser Form nicht noch einmal passiert.

      Beste Grüße
      Tim

  • Christian Palm sagt:

    Schon heftig. Bin letztens morgens mit dem Zugchef gefahren, den das betroffen hat und ich konnte das erst gar nicht glauben. :O echt krass.

    • Tim sagt:

      Guten Tag Christian,

      vielen Dank für deine Information. Es ist definitiv ein Vorfall aus dem man lernen wird. Sowas wird in Zukunft in einer solchen Situation nicht mehr vorkommen, davon bin ich überzeugt!

      Beste Grüße
      Tim

  • weißnichtsorecht sagt:

    Leider muss man sagen, ist es ein einseitiger Erlebnisbericht eines einzelnen Bloggers.

    • Tim sagt:

      Guten Abend,

      im möchte nochmals betonen, auch wenn es im Text steht, dass ich diesen Vorfall nicht erlebt habe. Somit ist es kein Erlebnisbericht. Mein Erlebnisbericht vom Silvester-Abend sah etwas anders aus.

      PS: Wie viele Blogger sollten denn dadrüber berichten?

      Beste Grüße
      Tim oder soll ich auch sagen „weißnichtsorecht“

      • weißnichtsorecht sagt:

        Und trotzdem ist es ein Erlebnisbericht, auch wenn er nicht persönlich erlebt wurde. Trotzdem werden die Tatsachen nicht 100% so übereinstimmen.

        • Tim sagt:

          Die Art des Textes ist definitv ein Erlebnisbericht. Was nun zu 102% oder vielleicht nur zu 90% Prozent stimmt kann ich dir nicht sagen.
          Fakt ist, dass etwas nicht so gelaufen ist, wie man sich soetwas vorgestellt hat. Ich kämpfe hier für mehr Verständnis im Bahn-Betrieb, sowohl für Bahn-Kunden, als auch für Bahn-Mitarbeiter. Aus diesem Grund passt der Text hier gut rein.

          Danke für dein Feedback.

          Beste Grüße
          Tim

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